Wer die Monatskarte hat sollte nicht am Monatsanfang nach Oakland fahren
Heute werden die Zähne gewetzt und voll Freude in den Truthahn geschlagen! Drum nur Auszüge aus längst Ausgezogenem:
Vielleicht ist es an der Zeit, in guter schwedischer Tradition mal mit den üblichen Vorurteilen aufzuräumen, die die Hirne des verehrten Lesers bevölkern könnten und die auch in meinem Vorurteils-Zoo teilweise nicht unbedingt selten gesehene Gäste waren.
“Der Amerikaner fährt nur Auto Auto Auto, jeder Zentimeter bzw. Inch (man muss ja nun in Inch denken!) wird mit dem Auto zurückgelegt.”
Was soll man sagen, eigentlich ist das wahr, ja. Aber die Aussage, dass ich mich unweigerlich diesem Wahnsinn anpassen müsse, sobald ich hier bin, hat sich bisher als nicht richtig erwiesen. Es geht durchaus ohne, und das Radfahren ist eine sehr beliebte Art des Commutings und der Fortbewegung in Der Stadt. Langfristig könnte es auf dem Dorf, wo ich ja nun einmal lebe dann aber wohl doch etwas anstrengend werden, da einerseits die Entfernungen immens sind und die öffentlichen Verkehrsmittel zwar vorhanden, aber nicht allzu verbreitet sind.
Wo wir aber einmal bei dem Thema sind: Der Kalifornier fährt jede Art von Auto, beliebt sind natürlich auch die großen Monster, aber am häufigsten gesehen sind eigentlich normale amerikanische oder japanische Mittelklassewagen und insbesondere hier der Prius. Ich hab das mal gezählt, auf dem Weg zu meiner Arbeit beträgt die Prius-Dichte sagenhafte 5% der am Straßenrand stehenden oder mir begegnenden Autos. Das liegt natürlich daran, dass die Leute hier ein gewisses Umweltbewusstsein haben und sie außerdem reich genug sind, sich den Spaß zu leisten. Teslas sind übrigens auch ab und zu anzutreffen, insbesondere da die Firma ja hier im Dorf zuhause ist, genauso übrigens wie der vielversprechende Elektromobilitätsdienstleister Better Place.
Better Place ist wohl generell ein recht treffendes Synonym für diesen Ort, denn so einiges was offensichtlich im Rest des Landes not so good ist, ist hier eben better, wenn nicht sogar teilweise paradiesisch.
Auf ihr Umweltbewusstsein bilden sie sich ja so einiges ein hier, aber es ist natürlich für deutsche Verhältnisse ein Witz. Man schraubt ein Solarpanel auf sein Hausdach und nennt das völlig ungedämmte Ding dann natürlich Green House, Renewable Energy Pipapo. Man ist gerade dabei zu überlegen, ob es klug ist, sämtliche Einkäufe nicht mehr in doppelwandige Plastiktüten zu stopfen, bzw. gibt dann Papiertüten aus, was ja anfangs recht putzig ist und man freut sich ja fast ein bisschen über so schöne Tüten, aber irgendwann hat man davon nun einmal auch eine gesamte Kommode voll und ist kurz davor, den Kassierern freundlich ins Gesicht zu brüllen, dass man keine scheiß Tüte braucht, man hat nämlich eine Tasche dabei und außerdem genug Papiertüten, dass diese als Baumaterial für ein gesamtes amerikanisches Wohnhaus inklusive Garage dienen könnten.
Das Problem ist aber nicht nur die Mentalität, sondern auch das damit verbundene Nichtvorhandensein von vernünftigen energiesparenden Geräten. Sämtliche Haushaltsgeräte, die ich hier antreffe würden in Deutschland in die Energieeffiziensklasse G– einsortiert werden, nur ein Beispiel ist unsere wunderbare Bunn Kaffeemaschine in der Arbeit, die einfach den gesamten Tag versucht, nicht vorhandenes Wasser zu erhitzen, keine Ahnung, wie viele kWh da pro Tag ins Nichts gepustet werden bzw. sich in den Schoß der Klimaerwärmung setzen.
“Die Amerikaner sind dick, dumm, ignorant und sowieso von Grund auf böse und schlecht.”
Ja, was soll man sagen. Ich kenne nur den Bay-Area Kalifornier und der ist in der Regel eine reizende, sich gut ernährende, kluge, gebildete, demokratische Person, stets offen für neues. Es ist ja auch ein typisch deutscher Grund zur Echauffierung, dass der Amerikaner angeblich Europa als ein einziges Land ansieht und in seiner grenzenlosen Ignoranz noch nicht einmal einzelne Staaten unterscheiden kann. Dazu möchte ich folgende Frage stellen: Wie viel Prozent der deutschen Jugendlichen könnten die für San Francisco bestimmte Stecknadel an die richtige Stelle der USA-Karte pinnen? Wie viele könnten mir sagen, in welchem Bundesstaat Chicago liegt?
Und jetzt kommt das Erstaunliche: So gut wie jeder Amerikaner, den ich hier traf, war schon einmal in Deutschland. In meiner Firma habe ich ernsthaft Amerikaner ohne deutsche Wurzeln darüber fachsimpeln gehört, ob es denn nun gut wäre nach Franken oder nach Sachsen zu fahren und sie fragen mich, wie es denn in Bayern ist. Leute, die man in Der Stadt trifft, waren meistens schon in Berlin und wollen sofort wieder hin, da Berlin ja das neue Mekka für Kunst und Musik und die große Liebe und einfach für alles ist, das etwas auf sich hält auf dieser Welt.
Der San Franciskaner ist sowieso ein angenehmer Zeitgenosse. Er fährt auf seinem Fixie über die Hügel, trinkt fair gehandelten Kaffee und trägt in Der Stadt genähte Klamotten und raucht in Der Stadt angebautes Gras.
“Diese ganze Hi How Are You Freundlichkeit geht einem irgendwann nur noch auf die Nerven. Man findet keine echte Freundlichkeit, es ist alles nur aufgesetzt.”
Vielleicht bin ich verrückt oder vielleicht entpuppe ich mich zum bisher verkannten Großmeister des Smalltalks. Aber ich finde es nett, an der Kasse gefragt zu werden, wie es mir geht. Das Überraschende ist ja, dass es eben nicht nur eine leere Floskelhülse ist. Man bekommt es immer wieder mit, und auch mir passiert das ständig, dass sich aus diesem Hi How Are You ein kurzes Gespräch entwickelt. Das dauert dann zwar nur eine Minute, aber immerhin hat man als Physiker mal mit jemandem gesprochen, und das ist einfach nett. Ein typisches Beispiel, wie es einem an jeder beliebigen Kasse oder auch sonstwo passieren kann: Gestern kaufte ich mir einen Kaffee und trug mein geliebtes Sparklehorse T-Shirt. Das Mädchen an der Kasse: „I like your shirt“ „Yeah, it’s a band, you know“ „Oh, I didn’t know that, I just like sea horses in general“ “Me too, but it’s also a really good band, they’re actually one of my favorite” “Ah, so what kind of music are they playing” “Well, it’s a lo-fi indie rock kinda thing, but the singer shot himself some months ago” “That’s too sad”. Und so weiter.
Oberflächlich? Mag sein. Bitte. Lieber oberflächlich als typisch deutsch und schlecht gelaunt. Die können ja hier auch nichts dafür, dass immer die Sonne scheint. Man wird auch ständig angesprochen und das nicht nur um nach einem Quarter oder fünf Dollar angebettelt zu werden und genauso spricht man natürlich auch selber viel leichter Leute an. Wer alleine in einer Bar sitzt wird sofort ins Nachbargespräch eingebunden.
Wer sich jetzt denken mag, „Wahnsinn, es ist also doch nicht alles schlecht, sondern tatsächlich alles gut in den Vereinigten Amerikanischen Emiraten“, der ist natürlich auf einem geschickt von mir ins Nichts gebauten Holzweg unterwegs.
Es ist, war und bleibt natürlich alles schlecht, schlecht, schlecht. Häuser. Waschmaschinen. Armaturen. Lichtschalter. Manchmal hat man den Eindruck, der Amerikaner könne nichts vernünftig außer Burger. Wenn ein großer Wirbelsturm über diese Zivilisation hinweg fegen würde, wäre einfach alles weggepustet, da sowieso nichts für die Ewigkeit gemacht ist. Außer natürlich die Verfassung. Die Verfassung wurde ein für allemal in Stein gemeißelt und vom heiligen Berg hinab getragen. Natürlich ist es auch weiterhin erlaubt, fröhlich so viele Schusswaffen wie man nur möchte mit sich herumzutragen, denn es sind ja unsere heiligen Grundrechte auf Freiheit, die uns dies erlauben. Wenn man auf der El Camino Real zu schnell beschleunigt, wird man angehalten. Wenn man in den kalifornischen Hügeln Gras anbaut, wird man erschossen. Wer am Strand raucht, wird verhaftet. Die Lokalzeitungen berichten in derselben Ausgabe von aus dem Baum geretteten Katzen (sic) und erschossenen Menschen.
Aber fürchtet euch nicht! Palo Alto ist nicht East Palo Alto. San Francisco ist nicht Oakland. Wenn ab und zu mal eine deutsche Touristin erschossen wird, so geschieht das rein zufällig!


























