Das einzige ding auf erden, das sich einer objektiven beurteilung ein ganzes leben lang entzieht, ist das kinderbuch. Als zukünftig durchschnittlich gebildeter deutscher bundesbürger bekommt man davon je nach elterngehalt und elternbildung 0 bis sagen wir mal 50 stück vor die kindliche nase gehalten und wird diese zeitlebens automatisch als die wohl besten und wertvollsten kinderbücher des universums halten. So in meinem falle zb die maus Frederick, auf die ich mich im folgenden berufen möchte.
Ähnlich wie Frederick im sommer auf der faulen haut lag und sonnenstrahlen sammelte, um diese später in der kalten winterszeit in die kleinen herzen seiner mitmäuse zu ballern, möchte ich nun auch die im spätsommer angesammelten fotos in eure warmen stuben pusten, auf dass sie dort die kerze des dritten advents entflammen mögen.
Wenn es mit der physik nichts wird, werde ich mich bei der Bunten als kolumnist bewerben oder selber herzerweichende kinderbücher schreiben, so viel ist gewiss.
Es begab sich aber zu der zeit, dass ein gebot von dem eigenen kopfe ausging, dass dieser es in der dunkelheit des optischen labors nicht mehr aushielte und nun auf spätsommerliche dienstreise in die korsichen berge stapfen möchte. Also wurde schnell eine adäquate reisebegleitung herbeigegooglet, outdoorausrüstung im wert mehrerer cent erstanden (kompass, rucksack, trinkflasche, laterne, fertignudelgerichte, alkohol, ukulele) und der nächste nachtzug in das wunderschöne Florenz bestiegen. Zeit für weitere planung bestand leider nicht, aber aus der schulbildung, die unsere generation glücklicherweise noch erfuhr, konnten wir uns noch vage daran erinnern, dass dieses Florenz irgendwo in der geographischen nähe der ersehnten insel Korsika liegen muss. Dass sich diese vermutung als die wahrheit herausstellen sollte, erfuhren wir erst später, bis dahin verbrachten wir erst einmal einen wunderschönen tag in der stadt der toten kunst.

Halb 6 uhr morgens in Florenz ankommen hat den unglaublichen vorteil, dass die plätze, die man sonst nur touristengeflutet kennt, auf einmal menschenleer vor einem liegen. So kann man sich zb endlich einmal ausgiebig zeit lassen, Davids penis zu begutachten. Tut man dies, so stellt man erstaunt fest, dass dieser etwa nur die halbe länge seines daumens misst. Da ich annehme, dass die evolution seit dem frühen 16. jahrhundert nicht so weit fortgeschritten ist, dass sie schuld sein könnte für diese fehlproportionierung, muss es wohl andere gründe hierfür geben. Derer fallen mir natürlich auch genug ein, aber es bleibt dem leser selbst überlassen, sich hierzu tiefgreifende gedanken zu machen und diese eines tages in buchform zu veröffentlichen.
Ich schreite vielmehr weiter im text und erzähle noch eben von der kurzen episode, in der wir von diesem feldherrenhallendingsbums geworfen wurden, da laut Carabinieri unsere “rucksäcke zu groß” waren. Die antwort, dass wir das wissen und dass wir auch schon jetzt panische angst hätten, uns damit auf das sog. gebirge im meer zu begeben, konnte die frühaufgestandene ordnungsgewalt leider auch nicht erweichen und so wurden wir zurück auf den menschenleeren Piazza della Signoria geschmissen, in dessen nähe wir kurz darauf ein ausgiebiges italienisches frühstück (capuccino und irgendwas) zu uns nahmen.

Als dann auch endlich glücklicherweise eine herberge in bahnhofsnähe gefunden war, hatten sich mittlerweile die straßen wie von zauberhand mit den üblichen touristen gefüllt, die es natürlich ausgiebig aus sämtlichen himmelsrichtungen zu fotografieren galt. Die wahl des schwarzweißfilms wird damit begründet, dass sich hiermit noch einfacher verdeutlichen lässt, was jeder brave alltagsbeobachter sowieso schon weiß: Schwarze kleidung macht unheimlich schlank und weiße – naja, siehe oben.

Wenn man eine gewisse zeit zwischen dom und Piazza della Signoria herumgehangen ist, zieht es einen natürlich früher oder später zu den Uffizien, um dort die warteschlange zu begutachten und zu fotografieren, bzw leute zu fotografieren, die irgendeinen klumpen tote kunst fotografieren.

Es ist ein teufelskreis, aus dem man sich nur herauswinden kann, wenn man beginnt, selber kunstschaffend zu werden, dh kunstschaffend im sinne von tote kunst kopierend, wobei man – wie ich gerade feststelle – dem teufelskreis der toten kunst nicht entrinnt, sondern sich selber nur noch viel fester in ihm verankert.
Ist es erst einmal so weit, kann man eigentlich auch gleich versuchen, visuellen suizid zu begehen, sich also fröhlich in die bilderflut des Palazzo Pitti stürzen, was wir natürlich auch dummerweise gleich taten, nur um festzustellen, dass dies das museum ist mit der wohl größten bildanzahl pro quadratmeter wandfläche. Man wundert sich, dass dort nicht schon dazu übergegangen wurde, die bilder einfach übereinander zu hängen, aber das wird wohl bald folgen, wenn irgendjemand den fehler machen wird, ein geheimversteck voll alter italienischer meister auszubuddeln.

Ein ausbruch aus dem teufelskreis ist also nur im physischen sinne möglich, ansonsten macht einen diese stadt verrückt, da hilft auch der liebevoll in der herberge zur schau getragene allgegenwertige kitsch nicht weiter. Also packten wir unsere siebensachen und zwängten uns ein weiteres mal durch eine zugtür, diesmal richtung Livorno. An dieser stelle möchte ich anmerken, dass es auf keinen fall ratsam ist, sich in einem fahrenden zug auf die anzeige seines kompasses zu verlassen, man denke nur an die gute alte elektrodynamik und an das durch stromdurchflossene leiter hervorgerufenen magnetfeld, eieiei, jede menge kummer und sorgen bleiben einem erspart, wenn man den kompass im zug einfach mal in der tasche lässt.
Unspektakulär ging es dann weiter mit einer wunderschönen seefahrt mit ziel in Bastia, wobei man anmerken muss, dass es sich in Bastia ganz ausgezeichnet flanieren lässt. Sehr viel mehr als diese erkenntnis konnten wir aber nicht mehr sammeln, da uns bald schon wieder die nächste enge zugtür schluckte, nämlich die der berühmten und in gleisverkehrfachkreisen durchaus berüchtigten korsischen schmalspurbahn, die uns sicher und irgendwie auch schnuckelig nach Corte schaukelte. Danke dafür!

Von der bergkulisse, die sich uns bei der ankunft bot, ließ sich der schmalspurbackpacker mächtig beeindrucken. Um die stimmung auch geschmacklich abzurunden wurde sofort ein espresso geköchelt und bis zum rand mit dem raffiniertesten zucker der µnchner hauptbahnhof_imbissstände gefüllt.

Neben dem bereits erwähnten beruf des backpackers gibt es natürlich seit den zeiten des internets auch noch den des couchsurfers. Dot com! Wir schafften es, diese beiden betätigungsfelder auf wundersame weise zu vereinigten und strandeten somit in der wohl weltbesten couchsurfing_adresse weltweit, nämlich – ich wiederhole – in Corte und zwar bei Jean Hughes, seiner katze und den ca. 10 anderen katzen, die aber zwischenzeitlich immer wieder mal der fuchs holt. Bei dem anwesen von Jean handelt es sich um den ehemaligen sommersitz irgendeiner baronesse und das ist natürlich fantastisch, mit riesigem grundstück, kunstvoll angelegtem und mittlerweile ziemlich verwildertem garten, fünf mongolischen zelten, einem zirkuszelt und der wohl bezauberndsten inneneinrichtung, die sich ein menschengehirn nur vorstellen kann. Es gab eine seife am stiel!
Aber all dieser luxus konnte unsere rastlosen körper und seelen natürlich nicht aufhalten, denn wir hatten einen nicht vorhandenen plan zu erfüllen und eine abenteuerreise zu machen.

Und so nahm das unheil seinen lauf. Was nun folgt ist nicht weiter aufregend, es handelt sich lediglich um einen kampf, der schon so alt ist wie die menschheit an sich: Der kampf mensch gegen rucksack. Der rucksack – auf bisher unerforschte weise ergreift er die kontrolle über gewisse hirnareale und zwingt den menschlichen körper tag für tag aufs neue, sein unerträgliches gewicht möglichst viele kilometer doch irgendwie zu ertragen. Für den weihnachtskeksgefüllten leser zu hause auf dem sofa möchte ich versuchen, das ausmaß der katastrophe kurz zu verdeutlichen. Die situation ist leicht erklärt. Man denke bitte einfach an seinen letzten urlaub und all die gegenstände, die man damals im packrausch in sein gepäck gestopft hat. Nun stelle man sich bitte vor, all diese gegenstände auf einem rucksack durch das korsische hochgebirge zu tragen. Das resultat ist ein rucksack, der einem vor jedem satteln grinsend anzusehen und zu sagen scheint “Werter herr wanderer, sie werden es sowieso nicht schaffen, mich auch nur einen millimeter vom boden anzuheben”. Dass dies dann doch jedesmal sogar mit nur geringfügigen ächzen klappt, ist dem guten alten phänomen des sieges des menschen über die maschine oder auch des menschen über das tier zu verdanken, je nach persönlicher beziehung zu seinem rucksack.
Unsere erste etappe führte uns bis spät in die dunkelheit von Corte bis zur hütte Sega (Mega Drive). Dort stießen wir zum glück auf ein lindenbichlzelt, das wir uns mit zwei tendentiell homosexuellen schweden teilten. Als wir am nächsten morgen aufwachten, waren die schweden weg und der schnee da.

Weißes gold oder weißer tod – da wir uns über diese frage nicht einigen konnten, wurde erst mal espresso und müsliriegel gefrühstückt, währenddessen hatte sich das weiße problem schon größtenteils in wasser verwandelt und die sonne trug fleißig dazu bei, den folgenden wandertag zu einem der schönsten aber auch anstrengendsten zu machen.

Unser nächstes ziel hieß Calcuccia und bedeutete zivilisation in form von capuccino, einer kekspackung und einem wasserhahn. Da es diesmal kein fertig aufgebautes zelt gab, versuchten wir erst eine großfamilie verwilderter hausschweine aus einem leerstehenden haus zu vertreiben, aber der kluge leser weiß bereits, was folgt, nämlich das gute alte phänomen des sieges des schweins über den menschen. Mit lautem gegrunze wurden also die eindringlinge vertrieben, die sich daraufhin zwangsläufig ihr eigenes zelt aufschlagen mussten (siehe foto).

Weiter ging es auf den Col de Verghio, wo wir uns das erste mal als richtige wanderer fühlen konnten, denn hier kreuzt der Mare a Mare Nord den GR20, auf dem sich in unserer vorstellung die wirklich harten hunde austoben. In wahrheit ist er aber bestimmt wie der rest der insel auch nur angefüllt mit zottelbärtigen deutschen lehrern und sozialpädagogen, die damals in den 70ern meinten, das paradies auf erden gefunden zu haben, womit sie gewiss nicht ganz unrecht hatten, o nein.
Übernachten durften wir auf dem gelände einer skitalstation, auf der Monsieur Le Renard den wanderschuh meines nachlässigen gefährten mopste, welcher dann aber zum glück am nächsten tag mit abgekautem schnürsenkel von einem holländer im busch gefunden wurde, so dass die reise nach einer ausgiebigen und kochend heißen dusche und der üblichen brotkäsemahlzeit fortgesetzt werden konnte.

Am nächsten tag bebegnete man schweinen und marschierte in Evisa ein. Sonst passierte außer wandern genau gesagt: Nichts.
Doch, zu erwähnen bleibt, dass wir ganz gewiss kein offenes feuer machten, um unsere aus rache von den verwilderten hausschweinen weggemopsten maroni zu rösten.

Nachdem wir noch schnell durch Ota gestapft sind, begann am dienstag der taggewordene wahnsinn.

Nämlich: 900 höhenmeter rauf und fast wieder runter, auf einem weg, der in unserer detailwanderkarte völlig inexistent ist. Zum glück war er in der realität dann doch existent und belohnt wurden wir des abends mit mal wieder dem weltbesten wildcampingplatz, diesmal direkt an der trinkwasserversorgung von Piana. Selbstverständlich verhielten wir uns hier vorbildlich und hielten nicht unsere mittlerweile plattgewanderten käsefüße ins wasser. Diese waren übrigens eine gute hilfe dabei, den inselansässigen verwilderten hausschweinen ein schnippchen zu schlagen, indem sie es unmöglich machten, olfaktorisch unseren gut verstauten korsischen käse zu orten.

Der rest der geschichte ist schnell erzählt. Natürlich landeten wir dann doch irgendwann noch im schönen Piana, wo im heimischen supermarkt unser pro_person_gewicht noch einmal um weitere 10kg erhöht wurde, aber das war auch bitter nötig. Es folgte ein gewaltmarsch zum strand, aber leider wurde dieses The_Beach_artige gefühl jäh unterbrochen, als uns die weltnettesten schweizer in ihrer µnchner qualitätslimousine bis an die ersten sandkörner des Plage d’Arone heranfuhren.

Was folgte waren zwei tage der absoluten ruhe und glückseligkeit.

Häuslich ließen wir uns nieder als einzige gäste des bereits geschlossenen campingplatzes. Wer auf den luxus von warmen wasser und toiletten verzichten kann, dem sei dieser geheimtipp wärmstens ans herz gelegt. Auch baden konnte man zu dieser späten jahreszeit übrigens noch hervorragend und auch irgendwie reinigend.

Ein wenig hässlich wurde es bei der rückreise dann nur noch einmal in Bastia, wo sich nach einer gar köstlichen muschelmahlzeit stundenlang kein zeltplatz finden ließ, auf dem unsere verwöhnten körper gewillt waren, sich zu betten. Also wanderte man sehr lange zum einzig offiziellen campingplatz außerhalb der stadt, der dann irgendwie schon geschlossen oder auch nicht war, jedenfalls wurde uns liebreizend untersagt, dort unser zelt aufzustellen, also taten wir dies am strand, neben den wohnmobilen neben mitgliedern einer französischen mobilen ethnischen minderheit, die den gesamten tag damit beschäftigt war, ihre wäsche zu waschen.

Zurück aufs festland ging es dann auch irgendwie und natürlich mal wieder mit glück, denn man darf einer uhr mit uralter batterie nicht mehr trauen, nachdem man mit ihr zwei wochen durch wind und wetter stapfte, sie kann dann durchaus auch mal eine stunde nachgehen und das ganz ohne vermutete winterzeitumstellung.

Natürlich schloss sich in Florenz der teufelskreis wieder und man musste sofort den alten freund dom besuchen, um dort an einer rotweinflasche zu nippen, bevor man noch auf eine pizza mit weißbier einkehrte. Zum glück ließen wir in der rotweinflasche noch genug flüssigkeit, um die valiumtabletten zu schlucken, die uns zu den am seligsten schlummernden leuten in unserem sechserabteil machten. Vielen dank auch hierfür.
Es war sehr schön.
Ihr mäusegesichter.